Verzichten mit Gewinn

Kennen Sie den: „Und worauf verzichtest du heuer in der Fastenzeit?” – „Ich verzichte aufs Verzichten!” Da höre ich nicht nur Überlastung heraus („Das Leben ist stressig genug, da kann ich nicht auch noch verzichten“), sondern auch ein Imageproblem:

Viele verbinden mit Verzicht religiöse Diätprogramme wie weniger Schokolade, weniger Alkohol, weniger Spaß. Verzichten ist sicher auch historisch belastet: Da schwingt in vielen Ohren religiöse Askese, Körperfeindlichkeit und Machtmissbrauch durch moralische Forderungen mit

Der Neutestamentler Ruben Zimmermann schlägt eine andere Perspektive vor: Verzicht ist nicht der Verlust von etwas Gutem, sondern die bewusste Entscheidung für etwas Besseres. Also nicht: „Ich darf das nicht“, sondern: „Ich will anders leben“. Das ist ein wichtiger Blickwechsel mit Folgen für die eigene Lebensqualität sowie für die der anderen, der Tiere, der Umwelt.

Mir fiel das kürzlich im Zug auf, im Ruheabteil. Menschen telefonieren flüsternd, essen leise Chips und tippen auf ihre Displays. Ich hatte mein Handy auf Flugmodus gestellt. Die Welt ging nicht unter, weil ich mal zwei Stunden keine neuen Nachrichten bekam. Stattdessen konnte ich mich gut entspannen, auch, weil ich andere Dinge wahrnahm, die sonst unbeachtet geblieben wären: das Dahingleiten der Landschaften, ein Kind, das seiner Großmutter eine Geschichte vorlas, mein eigenes Bedürfnis nach Ruhe. Der Verzicht aufs Smartphone brachte mir einen Gewinn an „Wirklichkeit“.

So verstanden ist Verzichten keine Absage an die Welt, sondern eine Schulung der Freiheit. Wir üben, nicht auf jeden Impuls zu reagieren. Nicht jede Nachricht sofort zu beantworten. Nicht jede Serie automatisch weiterlaufen zu lassen. Die TV-Fernbedienung hat ja eine Pausentaste – diese Taste kann ich auch für das Leben öfter drücken. Wer erlebt hat, wie befreiend das ist, kann nachvollziehen, dass Verzicht nicht enger macht, sondern weiter.

Und er bleibt nicht privat. Unsere Entscheidungen haben positive Nebenwirkungen. Wer drei Tage in der Woche bewusst kein Fleisch isst, tut nicht nur den Tieren und dem Klima viel Gutes, sondern entdeckt für sich auch jede Menge neue Rezepte und Geschmacksnuancen. Wer das Auto stehen lässt, merkt, wie nah der Bäcker eigentlich ist und wie gut die Bewegung tut. Verzicht setzt Ressourcen frei: Zeit, Geld, Aufmerksamkeit. Und daraus wächst Verantwortung – für die Mitmenschen, für die Schöpfung, für die eigene Seele, die sonst im Terminkalender eher nicht vorkommen.

Jesus hat erstaunlich selten über Diäten gesprochen. Aber sehr oft über Freiheit: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ Fasten ist dann kein heroischer Akt, sondern eine Frage: Wer bestimmt eigentlich meinen Alltag – ich oder meine Gewohnheiten? Gott braucht unseren Verzicht nicht. Aber wir brauchen die Erfahrung, dass wir nicht alles brauchen. Vielleicht ist die Fastenzeit deshalb keine Phase des Weniger, sondern des Mehr: mehr Aufmerksamkeit, mehr Gelassenheit, mehr Menschlichkeit. Und wenn ich demnächst wieder gefragt werde, warum ich verzichte, dann kann ich gelassen antworten: Weil es nicht nur mir gut tut.

Thomas Bartl, theologischer Referent beim Brucker Forum 

Bildnachweis: vetre-stock.adobe.com

Zurück
Fußspalte 1
Fußspalte 2
Fußspalte 3

Zertifiziert nach dem QualitätsEntwicklungsSystem mit Zertifizierung (QESplus) der katholischen Erwachsenenbildung in Bayern